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Artist: Porn
Interview:
zum neuen Album "A Decade of Glitter and
Danger"
Lucy quetsche Philippe D. der französischen Industrial-Rock-Band
PORN
über Vergangenes und Zukünftiges aus. Welchen Gefahren er
ausgesetzt
war, was er über MySpace, Internet-Piraterie und den Kapitalismus
denkt
und was es über das neue Werk "A Decade Of Glitter And Danger" zu
berichten gibt und was es mit den Kondomen im eigenen Band-Shop auf
sich hat, könnt ihr im folgenden Interview nachlesen.
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Hallo
Philippe, es ist sehr nett von dir, dass du uns heute Rede und Antwort
stehen wirst. Nun wollen wir doch auch gleich mal loslegen:
Wie hat alles im
Jahre 1999 begonnen?
Philippe D: Es
fing alles 1999 an, als ich noch Psychologie und Soziologie in
Grenoble studierte. Ich hatte schon früher bei ein paar Bands
gesungen,
aber keine hatte mich bis dahin in musikalischer Hinsicht wirklich
überzeugt. Ich hatte noch eine Menge zu sagen und viele
Gefühle, die
ich rauslassen wollte. Wir waren gerade aus dem Teenager-Alter heraus
und von dem Strom der Emotionen quasi überwältigt. Ich habe
viel „The
Cure“ gehört, sowie Bauhaus und Nine Inch Nails.
Dann
habe
ich mir selbst eine Gitarre gekauft, um selbst Songs zu schreiben. Wir
haben unseren ersten Gig Ende 1999 in Marseille gespielt. Unser erstes
Demo kam dann im Folgejahr mit Songs wie „Soft Machine – Porn Machine“,
„Recycle“ und „Still“. Unser Sound war ziemlich stark von NIN
beeinflusst, aber auch von diesem ganzen Noise-Industrial-Trend (SPK,
Esplendor Geometrico). Aber wir wollten auch den „The
Cure-Pop-Einschlag“ behalten. Francis ZEGUT, der Bands wie Venom oder
Metallica in Frankreich entdeckt bzw. unterstützt hatte, wurde auf
PORN
aufmerksam und spielte „Soft Machine – Porn Machine“ das erste Mal im
Jahr 2000 auf RTL2. Damit kam die Maschine ins Rollen.
Gibt es Schritte,
die ihr rückblickend auf diese Zeit lieber nicht getan hättet?
Philippe D: Absolut keine!
Was hat sich deiner
Meinung nach in der Szene von 1999 bis heute geändert?
Philippe D: Meiner
Meinung nach hat es keine positive Entwicklung gegeben,
zumindest in Hinblick auf Weiterentwicklung oder Festigung der Basis.
Die so genannte „Dark-Szene“ hat sich erheblich bergab bewegt. Einige
Bands sind verschwunden, einige andere haben sich einem mehr
cluborientierten Electro-Stil zugewendet oder einem Glamourrock-Stil.
Ich bedaure das, aber das ist nicht anders als in der gesamten
Gesellschaft. Alles muss schnell gehen, nichts wird wirklich
sorgfältig
gemacht, einfach alles angefangen, ohne sich tiefgreifend damit zu
beschäftigen ... einfach nur Teil der Bewegung sein, der Masse,
cool
sein ... und nur von amerikanischen Stränden träumen und
aufgetakelten
Blondinen. Ich bin froh, dass es Zeromancer noch gibt. Sie sind
ehrlich, was ihre künstlerischen Erfolge übertrifft.
Wie empfindest du,
persönlich auf PORN bezogen, den Fortschritt des Internets?
Philippe D: Es
gibt immer mehr Tools im Internet für sich entwickelnde Bands.
Wenn
man es so sieht, ist das nur eine Illusion. Das Internet entwickelt
sich nicht, sondern die Menschen. Es ist der Glauben, den sie darin
gesetzt haben, der gewachsen ist. Internet ist genauso wie der
Kapitalismus, eine gewaltige Traummaschinerie. Wir glauben nur, dass
wir unseren eigenen Weg gehen, mit oder ohne Internet.
Das Internet
öffnet ja auch die Pforten zur Piraterie. Fühlt ihr euch
eurer Kunst
beraubt oder denkt ihr eher positiv darüber, eben dass die Musik
auch
Ecken erreicht, wo der Vertrieb beispielsweise nicht hinreicht?
Philippe D: Wir
fühlen uns nicht betrogen, ganz und gar nicht. Zunächst
einmal gibt
es viele Kids, die sich keine Platten leisten können. Glaub mir,
als
ich Kind war, konnte ich mir nicht mal eine Briefmarke leisten. Die
einzige Möglichkeit für mich an eine Schallplatte zu kommen
war, sie
entweder in einer Bücherei auszuleihen oder aus einem Laden zu
stehlen.
Die Leute, die uns wirklich betrügen und bestehlen sind die
Internetanbieter oder die Typen, die die Downloadwebseiten anbieten.
Sie handeln mit Millionen von Euro, die keinem zugute kommen.
Internetuser können dafür nicht doppelt zur Kasse gebeten
werden. Wir
sollten die Firmen besteuern, die riesige Profite mit den
Künstlern und
Usern machen. Wir sind mittlerweile bei einem ganz neuen
ökonomischen
Model angelangt: Alles ist kostenlos, das ist die Norm.
Aber
ich
habe das Gefühl, dass diejenigen, die diese Norm gesetzt haben,
und die
Gewinnler, die eigentlich ihren Anteil abtreten müssten – diese
gewinnen am Ende.
Nimm
Dir
mal MySpace her: Auf jeder MySpace-Seite gibt es Anzeigen. Das Geld,
das damit gemacht wird, sollte auch dem Künstler / der Band
zufließen,
denen die Seite gehört, weil der Internetuser die Seite nur
aufruft, um
die Songs der Künstler oder der Bands anzuhören. Kein
Künstler – kein
MySpace. Andersherum gesehen kann man MySpace nicht mehr umgehen, genau
wie den Kapitalismus.
Am
Ende
kann man alles auf Marx und Proudhon zurückführen: Die
Privatisierung
der Produktionsmittel führt zur Ausbeutung derer, die den
Wohlstand
erschaffen. Auf eine Art hat MySpace die Produktionsmittel von uns
gestohlen, unsere Möglichkeiten sich als Band unabhängig zu
entwickeln.
Es wird immer wieder jemanden geben, der behauptet, dass man MySpace
nicht braucht, was wahr ist. Falls man die Welt als einen
geographischen Raum sieht, ist MySpace nur eine Großstadt. Ich
kann
mich dazu entscheiden, dorthin zu ziehen oder auf dem Land zu leben.
Aber auf dem Land werde ich nicht viele Leute treffen.
Kommen wir
einmal auf euren Bandnamen zu sprechen: PORN, das ist ein
weitläufiger
Begriff und öffnet sofort das Hinterstübchen im Kopf. Was hat
das Thema
„Porno“ mit eurer Musik zu tun?
Philippe D: Es
gibt da keine direkte Verbindung. Am Anfang hatten wir ganz offen
den Willen zu verstören. Es ist ein kraftvolles Wort, es ist auch
eine
Hommage an The Cure’s „Pornography“. Es ist auch eine Art
sorgfältig,
tief und 100%ig zu Denken ... nichts verbergen, nackt sein. Unsere
Musik ist auch fast wie menschliche Sexualität: Manchmal weich
verschmust, manchmal rau und zerstörerisch.
In eurem Shop
bietet ihr ja sogar Kondome und Präservative an. Sehr genial! Wie
kam
es zu der Idee? Ist eure Musik so befruchtend, dass man beim Lauschen
verhüten muss?
Philippe D: Für
den Release des Albums wollten wir eine kleine limitierte Serie
machen, um unsere Fans zu erfreuen. Wir haben uns gefragt, was wir wohl
in dieses limitierte Package reinpacken könnten. Ich bin auf
Kondome
gekommen, weil ich eine Seite gefunden habe, die Kondome für Bars
und
Nachtclubs anbietet. Ich hab darüber gebrütet und es war
eigentlich
voll passend. Ich wollte Niemanden verstören. Ich denke nicht,
dass
Kondome anzubieten ein Akt der Subversion ist. In jeder Highschool
gibt’s die kostenlos.
Nun erscheint
mit „A Decade In Glitter And Danger“ euer neuestes Werk. Gehe ich
richtig in der Annahme, dass dieser Titel auf eure bisherige Laufbahn
zu beziehen ist?
Philippe D: Von
Anfang an ging es bei PORN darum, attraktive aber gefährliche
Musik
zu spielen. Das Glänzende mit der Subversion zu verbinden. Ein
Universum zu erschaffen, das düster und gefährlich ist, aber
auch
anziehend und verlockend. Wenn ich zurückblicke, so sind die
beiden
Worte (Glitter und Danger) ziemlich die Essenz der ersten zehn Jahre
von PORN. Es gab Momente größter Freude, großartige
Auftritte. Die
Geschichte einer Bande von Jungs, die aus dem Nirgendwo auftauchten,
auf Tour gingen und in ganz Europa gespielt haben. Eine Platte, die sie
zu Hause aufgenommen haben und die auf mehreren Kontinenten
veröffentlicht wurde. Dann gab es die dunkle Seite: Die
Selbstzerstörung, Intensivstation, Ausnüchterungszellen,
Prozesse.
Chaos.
Auf dem neuen
Longplayer ist eine Essenz bereits bekannter Stücke vertreten.
Sind
diese noch einmal neu gemixt worden? Habt ihr etwas verändert?
Philippe D: Wir haben absolut nichts verändert.
Welche Kriterien
habt ihr genutzt, um genau diese 14 Titel auf das neue Album zu packen?
Philippe D: Das
Kriterium der Kohärenz. Wir wollten einfach, dass das Album die
letzten zehn Jahre reflektiert.
Gibt es auch
ganz neue Stücke auf dem Album? Gehe ich richtig in der Annahme,
dass
Titel 1 „All That Glitters ...“ und Titel 14 „... Is No Gold“ neu sind
oder liege ich da falsch?
Philippe D: Ja, falsch.
Gehen wir
doch einmal genauer auf diese beiden Tracks ein. Hat sich etwas
geändert an der Herangehensweise, sei es beim Komponieren oder
beim
Schreiben der Texte?
Philippe D: Nein,
denn die Stücke sind Teil unserer Diskographie. Sie haben eine
Art „Ambient-Feeling“. „...is no gold“ geht sogar eher in Richtung
Noisy-Industrial, wie man es so von Ant-Zen kennt.
Was war das
Gefährlichste, das du jemals gemacht hast?
Philippe D: Ich habe mit einem Polizisten
gekämpft, als ich mit Handschellen gefesselt war.
Wenn du ohne
Fallschirm aus einem Flugzeug springen müsstest, was wären
deine
letzten Gedanken in der Minute, bis du am Boden aufschlägst?
Philippe D: Wenn es heute passieren würde,
würde ich an Darwins Zitat denken: „So viel Schönheit mit so
wenig Nutzen.“
Die Titel klingen
durchweg spannend, sexy und interessant zugleich. Welche Themen greift
ihr auf in eurer Musik?
Philippe D: Schon
damals hat mich das Konzept der Realität sehr beschäftigt.
Ich
habe viel über die Bedeutsamkeit einer Realität mit freiem
Willen
nachgedacht. Ich habe Philip K Dick und Burroughs gelesen. Man kann
davon sehr viel in „Soft Machine Porn Machine“ wiederfinden. Ich habe
damit gegen die Weltordnung rebelliert. Ich konnte das Gewicht der
Jungianischen Archetypen spüren. Ich versuchte mich, der
Maschinerie zu
widersetzen, kein Teil von ihr zu sein. Es gibt viele dieser Motive in
„Don’t be a Lady“, „Recycle“ oder „Borderline“. Es gibt auch leichtere
Songs wie „Baby Smack“ und „Toyboy“. Diese Songs sind eher auf meine
Erfahrungen bezogen – manchmal sexuell, manchmal emotional.
Lass uns einmal ein
wenig über die Remixe plaudern. Wie kam der Kontakt zu den Bands
zustande?
Philippe D: Die
französischen Jungs von Dexy Corp_ haben „The Fee“ remixed. Ich
bin
glücklich mit dem Resultat. Sie haben eine sehr laute und
metallische
Version gemacht. Wir haben mit ihnen vor Kurzem getourt. Das sind
wirklich großartige Typen. Die australischen Bands Craig Sue und
Manek
Deboto haben eine sehr rhythmische und kraftvolle Version des Songs
gemacht. „Soft Machine Porn Machine“ wurde von LS201 bearbeitet. Die
Band existiert wahrscheinlich schon gar nicht mehr.
Gibt es noch mehr
Remixe, die nicht veröffentlicht worden sind?
Philippe D: Nein.
Wird es
irgendwann auch einmal ein ganz neues Album mit ausschließlich
neuen
Tracks geben oder kann man diesen Album als „Abschied“ betrachten?
Philippe D: Das
Album, an dem ich gerade arbeite, ist düsterer als alles, was wir
jemals gemacht haben. Es ist einfach hoffnungslos. Nur der Wille des
Tuns. Ich bin heute eine viel friedlichere Person. Aber was anderen
Stille und Ruhe bringt, macht mich oft rasend und extrem, die
Absurdität der Welt umarmend. Die Flamme erlosch irgendwann, und
daraus
erwuchs etwas anderes. Ich habe kürzlich TS Elliot entdeckt. Das
Lesen
von „The Hollow Men“ war ein großer Einfluss beim Schreiben des
Albums.
PORN’s erstes Konzept machte auf einmal wieder sehr viel mehr Sinn.
Entweder geht man einen Weg ganz oder tritt einfach beiseite. Celine
hat einmal gesagt, wenn man einen guten Roman schreiben will, muss man
seine Eingeweide auf den Tisch legen, einfach alles geben. Ich habe
mich dazu entschieden, mein Leben so zu leben, dass ich den Weg zu Ende
und allen Dingen auf den Grund gehe, bis zum bitteren Ende. Ich habe
vieles aufgegeben, habe wichtige Dinge des Lebens in der Gemeinschaft
geopfert. Ich denke, das ist der Preis, den man zahlen muss, wenn man
die Realität berühren will.
Wie schaut es in
eurer Zukunft aus?
Philippe D: Ich
bin nicht sicher, wie die Zukunft für PORN aussehen wird. Derzeit
konzentrieren wir uns auf das neue Album. Wir sind aber immer offen
für
Angebote. Wir sollen wieder in Frankreich touren, wahrscheinlich im
Herbst. Ich würde auch gern wieder in Deutschland und Osteuropa
touren.
Wir werden sehen.
Vielen Dank für
das Beantworten unserer Fragen und viel Erfolg mit „A Decade In Glitter
And Danger“.
Philippe D: Vielen Dank...
PORN @ www:

http://porntheband.com/
PORN @ Myspace:

http://www.myspace.com/pornband
by
PromoFabrik - März 2010
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