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.:: Text Interview
mit Klangstabil
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Artist: Klangstabil
Interview:
ein ganz vertrautes Gespräch zum
neuen Album "Vertraut''
Zufällig trafen wir Boris auf dem Blackfield Festival 2010, was
wir selbstverständlich gleich dazu nutzten, ihn über
klangstabil und die kürzlich erschienene EP „Vertraut“
auszufragen. Wie es dazu kam, dass der Song „Vertraut“ nun auf einer EP
mit acht Remixen erschien, wie Boris heute über die im Song
beschriebene Situation denkt und was es für die Zukunft zu
berichten gibt, könnt ihr nun im folgenden Interview nachlesen...
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Es ist mir eine
große Ehre, heute mit dir dieses Interview führen zu
können. Danke, dass du dich dazu bereit erklärt hast.
Boris: Ja, natürlich.
Wie lange kennt ihr
euch eigentlich schon und wie hat alles angefangen?
Boris: klangstabil hat 1994 angefangen. Ich habe
Maurizio über einen Freund kennen gelernt, mit dem ich immer zu
Maurizio gefahren bin. Maurizio machte zu dieser Zeit schon Musik. Der
Freund hat uns irgendwann verlassen und ich bin bei Maurizio geblieben.
Wir haben ein wenig herum experimentiert und ich hatte noch ein paar
Ideen im Kopf, die ich verwirklichen wollte. Irgendwann dachten wir
„das ist alles Schwachsinn, lass uns etwas Neues machen.“
Es hat
irgendwie gleich funktioniert. Wir haben gleich an den ersten Tagen
unserer Treffen, angefangen irgendwelche schwachsinnigen House-Tracks
zu produzieren. Dann kamen die analogen Synthesizer hinzu, die
förmlich zu uns gesprochen haben. Und das war für uns der
neueste Sound und der Grund, dass wir mit den Geräten
zusammenarbeiten. So hat alles angefangen.
Wie sind die
Aufgaben unter euch aufgeteilt?
Boris: Früher haben wir beide Alles
gemacht. Die Tracks sind in Zusammenarbeit entstanden. Heute ist es
etwas mehr aufgeteilt. Maurizio macht eher die organisatorischen Sachen
und ich mache den Kreativpart. Aber manchmal kommt dieser Part auch von
Maurizio und ich kümmere mich um die organisatorischen Dinge. Es
ergänzt sich einfach sehr gut.
klangstabil ist ein
genialer Name, der das, was ihr schon immer gemacht habt und die
Sounds, die ihr bis heute zaubert, treffend beschreibt. Wie seid ihr
auf den Namen gekommen?
Boris: Das ist auch zufällig entstanden.
Wir hatten kein Projekt geplant. Eigentlich wollten Maurizio und
einfach nur Musik machen. Es war nicht angedacht irgendwann mit der
Musik aufzutreten und somit machten wir uns auch keine Gedanken
über einen Namen. Dann hatten wir bei einer Geburtstagsparty eines
Freundes einen Auftritt. In seinem Wohnzimmer.
Und
wir nannten uns für den Abend „reality science“, was besseres ist
uns nicht eingefallen.
Der
Name Klangstabil entstand als wir in Stuttgart während eines
Verkaufsgespräches für eine MS20 einen Anruf bekamen, bei dem
es um ein Angebot einer TB303 ging. Ich fragte, ob das Gerät
klangstabil sei. Es heißt aber eigentlich „stimmstabil“. Darauf
meinte Maurizio: „Ja, das ist es. Das ist unser Name - klangstabil.“
Meistens findet der
Name einen selbst.
Boris: Richtig. Der Name hat uns gefunden. Und
der Name passt einfach.
War klangstabil von
Anbeginn als Band mit regelmäßigen Releases geplant oder
eher als Projekt im hobbytechnischem Sinne?
Boris: Wie vorher schon gesagt, war es
eigentlich als Hobby gedacht. Wir wollten nie Platten
veröffentlichen. Das war nie unsere Idee. Die ganzen Konzepte
kamen erst auf, als wir die Möglichkeit hatten, Platten zu
veröffentlichen über Labels die sich für uns
interessierten. Wir wollten mit jedem Release etwas Besonderes bieten.
Jedenfalls haben wir das versucht. Und ich hoffe, dass die Leute das
auch so kapiert haben.
Ist das eventuell
auch der Grund dafür, dass die neueren Stücke mehr poppiger
und emotionaler sind als zum Beispiel „Menschenhasser“ oder
„Regelkreisauslöser“, die ja mehr gekracht haben?
Boris: Das Ganze hat sich vor ungefähr zehn
Jahren „umentwickelt“. Wir haben die ersten fünf Jahre eigentlich
hauptsächlich die Geräte arbeiten lassen. Und schauten, was
dabei rauskam. Nach und nach kamen Melodien und poppigere Gefüge
hinzu, welche den Tracks „Struktur“ gaben. Die früheren
Elemente, also das Krachige und das Brachiale wurden aber weiterhin mit
eingebaut. So ergab sich eine eigene Mischung. Es hat sich dazu
hinentwickelt, dass wir diese Art von Sound machen. Letztendlich ist es
aus uns heraus entstanden. Wir haben versucht, es in unserer eigenen
Sprache zu machen. Bei uns war es der emotionalere Weg, weil wir damit
ganz gut umgehen konnten. Und wir haben Techniken entwickelt, diese
Emotionalität 1:1 umzusetzen.
Eure ersten Werke
sind leider ausverkauft. Wird es diese irgendwann noch einmal als
Re-Releases geben?
Boris: Es gibt Möglichkeiten bei unserem
Label MHz Records direkt anzufragen, ob etwas in einer bestimmten Form
zu bekommen ist. Einfach fragen. Ich kann es nicht versprechen. Es gibt
ein paar MP3s, die über Ant-Zen erschienen sind. Aber ansonsten
sind die Sachen eigentlich weg. Das waren meistens limitierte Auflagen.
Der Musikstil von
klangstabil vereint Electro/Synthpop mit Elementen aus dem Industrial.
Du sagtest eben auch schon, dass ihr etwas Krachigeres vorher gemacht
habt und momentan eben etwas mehr Emotionales/Poppigeres. Was
gefällt dir davon persönlich am Besten?
Boris: Uff, also ich habe mich von den alten
Sachen nicht distanziert. Ich habe darauf aufgebaut. Ich kann mit den
neueren Sachen natürlich mehr anfangen, weil sie zeitlich einfach
näher an mir sind. Wir machen immer zeitaktuelle Musik, eben das,
was wir gerade durchleben. Deshalb sind die Sachen auch immer 1:1 so
wie wir sind. Mir gefällt der emotionale Part, wenn man das jetzt
so differenzieren kann. Ich versuche von Album zu Album immer mehr
Kontrast zu bringen. Von lauten zu leisen, von schrillen zu weichen
Tönen. Es muss immer mehr drin sein, mit jedem Album. Wir
versuchen immer eine noch deutlichere Sprache zu sprechen.
Damit hast du
eigentlich auch schon die nächste Frage beantwortet, nämlich,
wie ihr es eigentlich schafft, Emotion und Gefühl mit Industrial
und hartem Electro zu verbinden.
Boris: Für uns ist das ganz einfach. Wir
haben darauf bezogen, was es sonst so gibt, eigentlich gar keinen Plan.
Zum Beispiel kenne ich hier auf dem Blackfield, ein paar Bands und
natürlich Diorama. Und ich weiß, was sie für einen
Sound machen. Aber ansonsten interessiert mich das alles nur ganz, ganz
minimal. Wir machen unseren Sound. Da gibt es keine Herangehensweise,
dass es gezielt emotional ist.
Wie kam es zu der
Idee, ausgerechnet den seeeehr emotionalen und tiefgehenden Song
„Vertraut“ für eine EP auszukoppeln?
Boris: Daniel Myer hat uns gefragt, ob er einen
Remix von dem Song machen könnte. „Es müsste doch jetzt
endlich mal raus.“. Der Song war 2002 für das Album „Kopfmusik“
gedacht. „Kopfmusik“ wurde aber nie veröffentlicht, aus
persönlichen und nahen Gründen eben. Wir sagten uns dann also
vor einem halben Jahr „Ok, wir schnüren jetzt ein Vertraut-Paket
mit Remixen und bringen noch zwei weitere Tracks mit ein, die noch
nicht in der Form veröffentlicht wurden, hauen das Ding raus und
schließen somit das Thema ein für alle Mal ab.“ Die Tracks
lagen schon ewig bei mir auf der Festplatte und das Cover war auch
schon seit zehn Jahren fertiggestellt, von Aiga Rasch, der
Illustratorin der „Drei ???“ Covers.
Für
mich ist es auf jeden Fall somit richtig abgeschlossen. Mit Anke, also
der Frau um die es hier geht, ist es für mich schon seit drei
Jahren komplett vorbei. Ich habe keine Alpträume mehr, ich habe
alles verarbeitet und ich kann mit dieser EP diesen Abschluss finden.
Es geht weiter. Es gibt so viele andere Themen und ich bin inzwischen
ein anderer Mensch. Ich habe mich in den letzten zehn Jahren auch durch
die Musik praktisch selbst therapiert und jetzt geht es einfach voran.
Also warst du da
auch bei einer Psychologin?
Boris: Ich war bei einer Psychotherapeutin. Sie
wurde mir damals empfohlen. Ich habe mir damals gesagt „Ich bin 25 und
ich will nicht mit einem Rucksack voll Scheiße weiter durchs
Leben laufen und möchte versuchen, alles einer neutralen Person zu
erzählen was mir auf dem Herzen liegt.“
Ich
habe diese Therapie gemacht und ich würde auch jedem, der mit
bestimmten Problemen nicht klar kommt und mit seinen Freunden nicht
alles besprechen kann, empfehlen das zu tun. Mir persönlich hat es
nichts gebracht, in Bezug darauf, dass mir etwas Neues über mich
erzählt wurde. Aber letztendlich war es nach einer bestimmten Zeit
(es wurden 30 Stunden veranschlagt), ca. nach der 15ten Stunde nur noch
ein Kaffeeklatsch. Ich habe keine Hypnose-Therapie gemacht, ich konnte
mich nicht darauf einlassen. Das war auch okay so.
Es wurde dir aber
angeboten?
Boris: Es wurde mir angeboten. Es wurde zwei
Mal versucht. Aber es hat nichts gebracht. Ich kann heute von mir aus
sagen, dass ich nicht gestört bin. Ich habe Scheiße
miterlebt mit einer Frau und ich habe das jetzt auch verarbeitet,
jahrelang. Und das hat prima geklappt. Von meiner Seite aus, bin ich
wieder ein gesunder Mensch.
Das ist schön.
Boris: Ja, Danke. Ich sehe das ganz realistisch.
Ich mache da jetzt keinen auf „Psycho“ oder was weiß ich. Ich
habe einfach versucht, mich selbst wieder hinzubekommen.
Das finde ich sehr,
sehr mutig. Nur die wenigsten können das.
Boris: Das Problem ist, es geht sehr viel kaputt
in einem, wenn man alles in sich hinein frisst. Man sieht das auch
äußerlich: Der Körper und der Kopf geht kaputt. Die
Kommunikation ist das Wichtigste. Das war auch immer das Wichtigste in
unserer Musik, dass wir kommunizieren. „Der Ton dient der
Kommunikation“ – das war immer unser Leitmotto. Auch schon auf „Senden
und Empfangen“ – unserem ersten Ding, 1995. Wer aufhört zu
kommunizieren, der verreckt. Das sehe ich jedenfalls so. Ich kenne so
viele Leute bei mir in der Psychostadt Reutlingen, die vor sich hin
reden, weil sie niemanden zum Reden haben. Das gibt es in jeder Stadt,
aber bei mir in Reutlingen, fällt es einfach extrem auf, dass die
Leute niemanden zum Sprechen haben und deshalb Selbstgespräche
führen und nicht mehr mit sich klar kommen. Sie haben einfach kein
Mittel nach nach Außen.
Um das Thema auch
abzuschließen. Hast du noch Kontakt zu ihr? Siehst du sie noch ab
und zu?
Boris: Seit 2005 habe ich keinen Kontakt mehr zu
ihr. Es war für mich mit einem letzten Anruf abgeschlossen. Ich
habe aufgelegt und sagte mir „Das war es von meiner Seite aus.“
Natürlich
habe ich immer versucht eine Freundschaft aufrecht zu erhalten, was
vielleicht auch von meiner Seite aus nie geklappt hätte. Es ist
vielleicht auch gut so, dass ich keinen Kontakt mehr zu ihr habe.
Daran, dass ich keine Alpträume mehr habe, habe ich erkannt, dass
es für mich abgeschlossen ist.
Und damit ist das
Thema jetzt endgültig?
Boris: Für mich ist das Thema durch.
Ja das ist
schön, es muss ja immer vorwärts gehen.
Boris: Es geht immer vorwärts. Aber wichtig
ist es, dass es nicht wieder in die selben Muster gerät, wenn man
sich wieder für jemanden Neues öffnet, dass man nicht wieder
den selben Fehler wie vorher macht. Ich habe durch diese
„Vertraut“-Geschichte unheimlich viel von meiner Person gelernt. An
sich selbstanalytisch zu arbeiten, kann ich jedem nur empfehlen. Nichts
in sich hineinfressen, gute Leute suchen, mit denen man das alles
durchsprechen kann oder andere Wege suchen, einen freien Kopf zu
bekommen. Das ist sehr wichtig.
Am
besten über Texte schreiben, Musik machen, Bilder malen. Den ganz
normalen Output. Das ist auch eine Art von Kommunikation.
Ja, definitiv.
Besonders das letzte Album „Math & Emotion“ war sehr emotional. Das
hört sich auch sehr persönlich an. Sind denn all die Themen,
die sich darauf widerspiegeln auch aus dem persönlichen Leben
gegriffen?
Boris: Alles, jedes einzelne Wort. Wenn ich
meine Worte beispielsweise als Karaoke machen würde, dann
könnten diese niemals so auf der Bühne rüber kommen.
Jedes einzelne Wort, welches geschrieben wird, habe ich erlebt und kann
das auch so auf der Bühne kommunizieren. Es geht auch nicht
anders. Man muss es durchlebt haben, dass man es ehrlich rüber
bringen kann. Man merkt es einfach, wenn es eine Playback Show ist. Das
kommt bei uns nicht vor.
Was hat es damit auf
sich, dass einige Songs auf Italienisch sind?
Boris: Ich liebe Italien. Es gibt Momente, in
denen ich mich einfach so nach diesem Land sehne. Ich liebe es einfach,
die Kultur, das Essen und die Sprache. Es ist für mich eine der
schönsten Sprachen überhaupt auf der Welt, vom
Melodiösen, Klang und der Dramatik her. Es ist einfach eine
reichhaltige Sprache zum Arbeiten und es hört sich einfach alles
gut an. Wenn man Texte 1:1 in diese Sprache übersetzt, kann man
immer etwas daraus machen.
Ich
schreibe die Texte erst auf deutsch und wir übersetzen sie
zusammen und Maurizio trägt sie vor. Ich versuche mehr
italienische Texte in Zukunft zu machen.
Du lebst deine Musik
auf der Bühne! Ist es nicht schwierig für dich, dass dann
noch einmal zu durchleben?
Boris: Nein, es tut eher gut. Es gibt aber
Situationen, bei denen ich sage „den Track mache ich nicht mehr“, weil
es, wie gesagt, eben auch abgeschlossen ist. „Vertraut“ wird weiterhin
gespielt, weil es ja eher ein Instrumental ist. Da muss ich einfach nur
an den Geräten arbeiten. Aber manche Tracks, z.B. „Kill All
Lifeforms“, kann ich nicht oft bringen, weil ich manchmal zum Schluss
eines Auftrittes so positiv geladen bin, dass ich nicht noch einmal
einen abkotz Track bringen kann.
Manchmal
ist man nicht 100 % drin, das muss ich auch sagen. Es kann nicht immer
passieren, dass man sich bei jeder Show wirklich alles vor Augen
führen kann was im Track behandelt wird und auch will und man
macht es dann trotzdem. Die Intensität ist nicht immer 100 %ig.
Ich versuche es. Ansonsten hätte ich nichts auf der Bühne
verloren.
Ok, zurück zur
„Vertraut“ EP:
Wie viele Remixe
habt ihr insgesamt von „Vertraut“ machen lassen?
Boris: Ein paar Künstler haben zwei, drei
Sachen abgeliefert. Da konnten wir aussuchen. Insgesamt hatten wir,
glaube ich, zwölf zur Auswahl und acht sind dann auf der EP
gelandet.
Das
ist natürlich unheimlich viel an Remixen von einem Stück,
aber uns war es wichtig, dass für jeden etwas dabei ist. Jeder hat
so sein Lieblingsding. Die
DIORAMA’s
haben ihr Ding zum hören, Leute die auf Daniel Myer abfahren
haben
einen
Track, Maurizio und die Synapsen haben ihre Parts beigesteuert usw. In
die anderen Sachen muss ich mich selbst wirklich noch hinein denken und
hinein leben. Sie sind wirklich teilweise sehr intensiv und ich kenne
die Bands noch nicht. Ich muss mich selbst noch an diese EP
heranarbeiten.
Also war praktisch
das Ausschlusskriterium für die Auswahl der Remixe, dass für
jeden etwas dabei ist?
Boris: Ja. Es sollte wie immer einen Kontrast
bieten. Es sollte qualitativ hochwertig sein und es sollte uns
natürlich gefallen, in erster Linie. Das war das Auswahlkriterium
Nummer 1.
Du hast gerade eben
auch den Namen Torben Wendt schon erwähnt. Diesen Namen entdeckt
man bei euch sehr viel. Was verbindet euch mit ihm? Vor allem die
Emotionalität?
Boris: Das Ernstmeinen, wie man an Musik
herangeht. Wir wohnen in derselben Stadt. Wir haben uns 1997/98
kennengelernt als wir zusammen für ein Filmprojekt eines Freundes
den Soundtrack gemacht haben. Anfangs war ich etwas sauer, dass noch
jemand dazu genommen wurde. Ich kannte Torben noch nicht. Es hat sich
dann aber sehr schnell eine Freundschaft entwickelt. Wir haben zehn
Wochen fast täglich an diesem Soundtrack gearbeitet und das war
eine große Erfahrung. Wir sehen uns oft in Reutlingen, um uns
einfach auszusprechen. Wir haben sehr viel zusammen durchlebt. Es ist
einfach eine großartige Freundschaft und es tut mir gut, dass ich
jemanden habe in Reutlingen, weil Maurizio leider in Rottenburg wohnt.
Dadurch habe ich auch noch einen Bezug zu Reutlingen. Wenn Torben aus
dieser Stadt wegfallen würde, dann hätte ich in dieser Stadt
auch nichts mehr verloren. Dann würde ich sofort versuchen, die
Flucht zu ergreifen. Es ist einfach eine bomben Freundschaft.
Ihr habt ja auch so
ziemlich die gleiche Herangehensweise?
Boris: Ja, wir arbeiten beide unsere Konzepte
aus und versuchen diese durchzuziehen. Wir beraten uns immer
gegenseitig. Ich erzähle ihm von meinen Ideen und er mir von
seinen. Jeder gibt seinen Senf dazu.
Der Remix, den
Torben Wendt für euch gemacht hat, der beinhaltet sehr viele
Gitarrenklänge. Wie empfindet ihr das? Das ist ja eigentlich nicht
so typisch für euch.
Boris: Man verbindet „Gitarre“ immer gleich mit
Rock, oder zumindest mit diesem Bereich. Letztendlich ist es aber nur
ein weiteres Musikinstrument. Man kann wirklich mit allen
Gegenständen Musik machen. Gitarre ist einfach „Wohlklang“ und
passt eigentlich überall. Ich habe nichts gegen Rock-Elemente. Ich
mag auch Grindcore und solche Sachen.
Hast du einen
Lieblingsremix?
Boris: Also ich finde Daniel’s schon eine Bombe.
Der kann das.
Boris: Es war auch sein Ziel, das Maximale zu
geben. Er hat sich viel Arbeit gemacht damit. Der Daniel Myer Mix ist
auf jeden Fall für mich der Top-Mix. 10 Punkte....
Gab es während
eurer Karriere schon einmal einen Punkt, an welchem ihr aufhören
wolltet?
Boris: Den Punkt gibt es immer wieder einmal. Es
ist meistens während der Produktion, kurz vor der Abgabe, wo man
sich dann sagt „Hey, das bringt doch alles nichts. Das kommt alles
nicht so rüber, wie ich es sagen will. Ich lasse das Ding einfach
fallen und ich höre mit allem auf.“
Dann
besinnt man sich wieder sagt sich: „Ich mache das, um jemanden etwas zu
geben“. Erstens mir, dass ich es gemacht habe, dass ich es geschafft
habe, natürlich 100%ig auch in gleichen Teilen für Maurizio.
Ich mache es eigentlich nur für mich und Maurizio und ein kleiner
Part ist natürlich für die Leute, die es hören wollen.
Mich
juckt das einen Koffer, ob das viele Leute hören oder nicht.
Wichtig sind mir natürlich die nahestehenden Leute, die es
kapieren. Viele dieser nahestehenden Leute haben mit dieser Musik
teilweise auch gar nichts zu tun.
Wenn
ich jetzt mit der Musik aufhören würde, dann würde ich,
glaube ich, dumm werden. Die Musik hat mir so viel gegeben, die ganze
Szenerie, die ganzen Leute, z. B. auch du jetzt, das Interview und auch
die Fragenstellerei, dieser Feedback, das alles gibt mir so viel, dass
ich das jetzt nicht einfach aufgeben würde. Das wäre
blöd. Ich habe dadurch die Chance zu kommunizieren. Ich habe die
Möglichkeit, mich auf der Bühne auszukotzen. Wer hat denn in
seinem Leben die Chance, lauthals auf der Straße die Leute
anzuschreien. Ich habe die Möglichkeit, dies auf der Bühne zu
machen, in voller Lautstärke und niemand kreidet mir das an. Es
ist erlaubt. Und das will ich mir nicht nehmen lassen. Ich will
weiterhin schreien und laut sein dürfen auf der Bühne und die
Chance haben, mich danach auch glücklich zu fühlen.
Bevor „Math &
Emotion“ herauskam, hattet ihr eine vierjährige Schaffenspause.
Was habt ihr in dieser Zeit gemacht.
Boris: Die Alben dauern halt sehr lange, weil
wir versuchen, nicht jeden Scheiß herauszubringen, sondern weil
auch jedes Wort gedreht, jeder Ton auseinander genommen wird. Wir haben
kein großes Instrumentenspektrum. Wir haben meistens nur wenige
Elemente in einem Track und diese müssen auch passen. Jeder Ton
hat eine eigene Existenzberechtigung. Jeder Ton, hat eine klare
Aussage, eine klare Sprache. Das zu erarbeiten, braucht viel Zeit. Auch
das Ausarbeiten des Konzeptes, das Artwork, der Gedankengang, dass
alles stimmig ist, ist sehr komplex.
Deswegen
vier Jahre. Ich versuche es, beim nächst kommenden Album
kürzer zu halten, aber...
Das musst du nicht
unbedingt. Hauptsache, es wird gut am Ende und dafür kann es auch
länger dauern.
Boris: Ja und meine Uhr tickt. Nein Quatsch, ich
mache ja immer Musik. Ich habe ja schon eine Glatze. Schlimmer kann es
nicht werden.
Beide lachen.
Als Musiker kann man
in der heutigen Zeit nicht mehr vom Erlös der Musik leben. Machst
du noch etwas hauptberuflich nebenbei?
Boris: Ich bin bei zwei Freunden angestellt
welche eine Multimediafirma betreiben, die machen den Webbereich ich
mache alles was mit Film zu tun hat. So kann man ein paar Kröten
verdienen. Mit der Musik geht es nicht, wie du gesagt hast. Das will
ich auch nicht. Ich würde niemals Musik machen, um Geld damit zu
verdienen. Jeder Euro, den wir verdienen, geht eigentlich wieder in die
Musik. Klar ist es schön, ein bisschen Taschengeld zu haben nach
einem Auftritt und das ist ja nicht wenig, was wir inzwischen bekommen
und das ist auch gut so, weil es auch einfach ein Gegenwert ist. Es
steckt sehr viel Arbeit drin.
Mir
tut es leid, wenn manche Bands auf der Bühne stehen und nichts
bekommen. Es gibt so viele gute Leute, die einfach nicht gewürdigt
werden. Es gibt auch große Bands, die einfach immer noch zu wenig
bekommen.
Ich
bin absolut kein Geldmensch. Ganz im Gegenteil. Aber ich freue mich,
wenn ich nach einem Gig ein bisschen Spaß haben kann.
Macht ihr neben
klangstabil noch in Sachen Musik?
Boris: Wir machen Remixe, aber das läuft
meistens auch über klangstabil. Es gibt keine Nebenprojekte oder
etwas in dieser Richtung.
Kommen wir einmal zu
einem kleinen Wortspiel. Bitte antwortet ganz spontan:
Kraftwerk:
Kraftwerk
haben maßgeblich unsere Startphase beeinflusst. Wir waren sehr
große Kraftwerk Fans. Wir waren auch bei Ralf Hütter und
legten ihm eine Platte von uns vor die Haustür. Wir haben sehr
viel gelernt. Nicht vom Musikalischen her, sondern eher von der
Ideologie, einfach etwas Neues zu machen. Und das haben die damals. An
denen kommst du nicht vorbei, die haben das einfach gemacht. Die haben
auch die Techniken entwickelt. Sie hatten auch die Ingenieure, die
mitentwickelt haben, an neuesten Synthesizern, an neuen Schaltkreisen,
an neuen Tönen, Samplern. Das waren DIE.
Kraftwerk
ist der Leuchtturm.
Klangforschung: ... haben wir gemacht. Wir haben unsere
Klänge erforscht und in unsere Musik eingebaut.
CD
oder Vinyl?: Maurizio
würde jetzt sagen „Vinyl wird immer leben“. Ich sage,
„Scheiß drauf.“ Ich bin froh, wenn ich nichts habe. Ich bin kein
Sammler und habe alles von mir verkauft. Ich lebe mit zwei Taschen,
einem Bett und meinem Computer-Equipment. Ich sammele natürlich
meine eigenen Sachen und Sachen, die ich von Freunden bekomme. Aber
ansonsten: Weg damit. Ich kann damit nichts anfangen. Ich bin kein
Materialist. Ich habe auch keinen Bezug dazu. Ich habe meine Gedanken
im Kopf, ich habe meine Gedanken verpackt in Alben und in schriftlicher
Form. Ich brauche das nicht. Es ist für mich nur Ballast.
Wenn ihr einen Tag
„Gott“ sein könntet, was würdet ihr auf der Erde ändern:
Keine
Ahnung. Ich glaube auch nicht an Gott, also kann ich mich auch nicht in
diese „Person“ hineinversetzen. Ich kann die Welt nur soweit
verändern, wie ich sie in meinem Umfeld verändern kann. Das
empfehle ich auch jedem, dass er praktisch an seinem Umfeld arbeitet.
So dass Kommunikation entstehen kann und keine Diskrepanzen oder
Kriege, wenn man das noch weiter spinnen will. Man muss von sich
ausgehen. Da braucht man kein Gott sein. Wie gesagt, ich glaube nicht
an Gott. Ich glaube einfach nur an Freundschaften und an eigene
Kräfte und an das Leben an sich und an Liebe glaube ich auch noch.
Gibt es schon
Pläne für die Zukunft? Neues Album?
Boris: Klar. Wir sind mittendrin. Die Konzepte
stehen. Wir sind am Arbeiten. Es macht unheimlich viel Spaß, an
diesem Konzept zu arbeiten und ich hoffe, mit Maurizio zusammen, Anfang
nächsten Jahres etwas präsentieren zu können. Mal
schauen.
Wann kann man euch
denn mal wieder Live erleben?
Boris: Wir versuchen immer wieder
Auslandsauftritte zu bekommen. Für Deutschlandauftritte werden wir
wahrscheinlich mehr Absagen machen müssen, um Zeit für neue
Musik zu haben. Aber am Ausland sind wir immer interessiert, weil wir
die Welt sehen wollen.
Dann werden wir uns
mal überraschen lassen. Damit sind wir mit dem Interview auch
durch.
Boris: Echt, schon?
Beide lachen.
Boris: Also ich danke euch vielmals.
Ich danke dir, es
war sehr schön.
Boris: Danke auch an euch, für das
Durchlesen und Volllabern lassen. Schaut mal vorbei und habt
Spaß. Fette Grüße auch vom Maurizio, der heute leider
nicht mit hier ist.
Bis
dann!
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PromoFabrik - Juni 2010
Interview:
Astrid Kerber
Fragen
und Text: Lucy von Leibnitz
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