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.:: Text Interview
mit Front Line Assembly
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Artist: Front Line Assembly
Interview:
zum neuen Album "Improvised. Electronic.
Device''
Wir sprachen mit Bill
Leeb über das neue Album "Improvised Electronic Device", die
Zusammenarbeit mit dem neuen Line-Up und wie es dazu kam, aber auch
über Gott, die Welt und das Denkmal des unbekannten Soldaten. Was
das alles jetzt mit der einflussreichen kanadischen Band zu tun hat,
erfahrt ihr in diesem ausführlichen Interview.
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Front Line Assembly
sind ja nun schon seit unfassbaren 24 Jahren nicht mehr aus
der Electro/Industrial-Szene in Nord-. und Südamerika und
Europa wegzudenken. Auch nach einigen Bandbesetzungsänderungen
seid ihr immer eurem Stil treu geblieben. Stellt doch bitte
zunächst einmal eure derzeitige Besetzung und die Funktion aller
Bandmitglieder vor.
Bill:
Bill
Leeb - Gründungsmitglied und Songwriter, Texter und elektronischer
Henkersmann
Chris
Peterson - Electronic-Industrial Programmierung, Produktion
Jeremy
Inkel - Programmierung, Synthesizer, Produktion, Songwriter
Jared
Slingerland - Gitarrist, Songwriter, Programmierung
Wie kommt es das
Rhys Fulber diesmal nicht mit am Start ist?
Bill: Bezüglich des Lineups vertrat Front
Line Assembly schon immer eine offene und lockere Einstellung. Nachdem
wir mit unserem jetzigen Lineup ausgiebig auf Tour waren, hatte sich
zwischen uns Vieren ein einzigartiges Verhältnis entwickelt.
Eigentlich wollte Rhys sich an der Entstehung zu IMPROVISED ELECTRONIC
DEVICE beteiligen, aber er war zu beschäftigt mit seiner Arbeit an
anderen Projekten (u. a. Fear Factory). Als sich dann Rhys’ Zeitplan
etwas lockerer gestaltete, hatten wir aber schon den Grundstein zu
unserer neuen Platte gelegt - und wir hatten das Gefühl, dass
alles genau so, wie es in diesem Augenblick war, nicht hätte
anders sein können. Natürlich gibt es immer die
Möglichkeit, dass Rhys in Zukunft wieder fester Bestandteil von
Front Line Assembly sein wird, aber in diesem speziellen Fall
gestalteten sich die Umstände eben so, dass er an der Entstehung
der Platte nicht beteiligt war.
Auf „IMPROVISED
ELECTRONIC DEVICE“ befinden sich wieder (genau wie auf
“Civilisation”) deutsch gesungene Textpassagen. Dürfen die
deutschen FLA Fans das als Kompliment aufnehmen oder fühlt ihr
euch auf eine andere Art mit Deutschland verbunden?
Bill: In Anbetracht der Tatsache, dass ich in
Wien geboren wurde, habe ich Deutsch schon immer als meine
Muttersprache angesehen. Daher werde ich mich auch immer mit
Deutschland und Österreich auf enge Art und Weise verbunden
fühlen. Außerdem wollte ich einen Tribut an alle
deutschsprachigen Menschen zollen, da ich der Meinung bin, dass
elektronische Musik in Deutschland geboren wurde und somit auch alle
deren Vorväter dort zu finden sind, wie z.B.: Kraftwerk, Tangerine
Dream, Klaus Knomie usw.
Einige der Songs z.
B.: „Hostage“ sind sehr technoid und wieder andere z. B.: „Release“
klingen eher sehr rockig. Das letzte Album war dagegen
ausschließlich elektronisch. Wie kommt es, dass die Songs auf
„IMPROVISED ELECTRONIC DEVICE“ so unterschiedlich sind?
Bill: Das liegt schlicht und ergreifend in der
Tatsache begründet, dass dieses Album eine großartige
Melange aus der Zusammenarbeit von vier kreativen Köpfen ist und
somit auch eine große Vielfalt an Sounds aufweist. Jeder von uns
ist ein Meister jeweils in seinem speziellen Gebiet - wenn du das alles
miteinander vereinst, erhältst du genau das, was man auf
IMPROVISED ELECTRONIC DEVICE hören kann. Des Weiteren wollen wir
auch keine eindimensionale Band sein - wir lieben es, geeignete
musikalische Elemente miteinander zu verbinden ohne dabei irgendwelchen
Beschränkungen zu unterliegen. Grundsätzlich wollen wir uns
selbst nicht auf den einen oder anderen Stil oder Sound festlegen - wir
überlassen unserer Kreativität einfach freies Spiel.
Nach dem ersten
Hören von „IMPROVISED ELECTRONIC DEVICE“ bin ich der Meinung, dass
sich das Album wie eine Zeitreise durch die gesamte Schaffenszeit von
Front Line Assembly anhört. Ist das Absicht oder nur Zufall?
Bill: Wir haben die besten Elemente unserer
bisherigen Schaffensperiode miteinander vereint - und dennoch denke
ich, dass wir unserem Sound einige neue Aspekte hinzufügen
konnten, da wir die ganze Zeit über ständig neuem Input und
vielfältigen Inspirationen ausgesetzt waren. Abgesehen davon sind
wir der Meinung, dass, wenn man einmal einen eigenen Sound geschaffen
hat, sollte man sich auch nicht entmutigen lassen, diesen wieder
aufzunehmen oder ihn beizubehalten. Das Gesicht und die
Originalität einer Band werden dadurch bestimmt, wie sie sich
selbst ihren Blick auf das künstlerische Medium Musik bewahrt.
Um einmal in der
Zeit ein Stück zurück zu gehen. Ich bin u. a. ein
großer Fan eures vorletzten Albums „Civilisation“. Wie kam es,
dass ihr damals ein so stilles und ruhiges Album veröffentlicht
habt? Es erinnert mich sehr an dein Nebenprojekt Delerium.
Bill: Das war eine der seltsamsten Zeitpunkte
in der Geschichte von Front Line Assembly. Delerium wurde immer
dominanter - und FLA geriet irgendwie ein wenig ins Hintertreffen. Zu
dieser Zeit ging jeder seine eigenen Wege. Als Rhys und ich uns dann
entschieden, dieses Album zu machen, entstand es tatsächlich
innerhalb nur eines Monats. Da zu dieser Zeit Delerium eher im
Vordergrund stand, fielen einige Grenzen zwischen den Projekten und es
entstand eine Art Kreuzung aus beiden. Es fühlte sich wirklich so
an, dass dies das letzte Front Line Album sein würde, und das,
obwohl ich den Gedanken daran tief in meinem Inneren wirklich hasste.
Das lag einfach daran, dass ich fühlte, dass dieses Album nicht
wirklich dem Charakter von FLA entsprach. Dazu kam auch noch, dass ich
zu diesem Zeitpunkt inmitten einer schweren Scheidung lag (daraus
entstand auch der Song Vanished). Kurz zusammengefasst: Das war
sicherlich eine der schlimmsten Front Line Assembly-Zeiten -
persönlich als auch musikalisch.
FLA wird in
Deutschland oft im gleichen Atemzug mit dem im Deutschland und
Nordeuropa beheimateten EBM erwähnt. Mögt ihr
europäischen EBM, und könnt ihr euch damit identifizieren?
Bill: Es gibt so dermaßen viele Arten von
elektronischer Musik, dass ich behaupten möchte, dass es in jeder
Richtung gute als auch schlechte Beispiele gibt. Es gibt sowohl guten
EBM als auch schlechten EBM. Wie auch immer, es gibt auf jeden Fall den
bahnbrechenden EBM von Bands wie Nitzer Ebb, DAF, Portion Control und
Front 242, welche mit Sicherheit als Klassiker bezeichnet werden
können. Ich werde diesen einflussreichen Bands immer eine Hommage
erweisen.
Wo seht ihr die
Zukunft der elektronischen Musik in Amerika und Europa?
Bill: Elektronische Musik hat sich so
vielfältig und so artenreich entwickelt, dass es schier
unmöglich erscheint, eine Diagnose über weitere Tendenzen
abzugeben. So lange sich die Technik weiterentwickelt, wird sich auch
elektronische Musik weiterentwickeln - in guter als auch in schlechter
Art und Weise.
Was habt ihr eurer
Meinung nach aus historischer Sicht als Künstler für die
Allgemeinheit geschaffen?
Bill: Ich hoffe, wir konnten einen Beitrag dazu
leisten, dass sich das Industrial/Electro-Genre weiterentwickelt und
wir vielleicht zukünftige Musiker in ihrem eigenen Schaffen
inspirieren können. Außerdem hoffe ich, dass wir andere
Künstler dazu angeregt haben, diesen ˆihren eigenenˆ Weg
weiterzugehen.
Was ist der
philoophische Hintergrund des Front-Line-Assembly-Konzeptes?
Bill: Traue Niemandem und denke immer daran,
dass es zu jeder Geschichte mehr als nur eine Seite gibt. Übe dich
in eigenem Denken und ergib dich nicht der Scheinheiligkeit oder den
von Menschen gemachten Gesetzen, die versuchen, unsere Zivilisation zu
indoktrinieren.
Die Cover eurer CD’s
sind jedes Mal ein kleines Kunstwerk für sich. Arbeitet ihr
immer mit demselben Künstler zusammen oder sucht ihr gezielt nach
Künstlern die eure eigenen Ideen umsetzen?
Bill: Wir betrachten Dave McKean als
offizielles Mitglied von Front Line Assembly. Wir denken, dass er mit
seinen kreativen Illustrationen immer genau den Nerv trifft, den wir
mit unserer Musik ansprechen wollen. Aus diesem Grund werden wir
wahrscheinlich auch in Zukunft weiterhin mit ihm zusammenarbeiten. Das
einzigartige an Dave ist, dass wir ihm nie vorgeben, welche Art von
Bildsprache wir suchen. Er setzt sich kritisch mit unserer Musik
auseinander und reagiert darauf mit seinen Arbeiten. Das ist
wahrscheinlich die bestmögliche Zusammenarbeit zwischen zwei
Künstlern, die es geben kann.
Wo kommen bei eurem
neuen Album Musik und Cover zusammen?
Bill: Dave und wir arbeiten und funktionieren
in dieser Hinsicht auf der selben Ebene. Ich denke, dass, wenn man sein
Artwork und unsere Musik zusammen betrachtet, wird ganz schnell klar,
wie diese beiden Elemente miteinander funktionieren und
zusammenarbeiten.
Nun noch einmal zu
den Songs im Einzelnen. Besonders hervorheben möchte ich da gleich
mal „Afterlife“. Eine wunderschöne typische FLA-Ballade ganz im
Stil von „Treshold“. Was ist das Hauptthema dieses genialen Songs?
Bill: All die verlorene Zeit, die ich mit
meinem inzwischen verstorbenen Vater nicht erleben konnte. Bei unserem
ersten und einzigen Treffen nach 20 Jahren in Wien hatten wir viel zu
wenig Zeit, um uns beide wieder anzunähern und kennenzulernen. Ich
hoffe, es gibt im Leben mehr als nur den Tod.
„Angriff“ ist
für mich einer der wohl besten Songs auf „IMPROVISED ELECTRONIC
DEVICE“. Hier finden wir auch die zuvor schon beschriebenen deutschen
Textpassagen. Was wollt ihr mit diesem Titel zum Ausdruck bringen?
Bill: Dieser Song entstand bei unserer ersten
Reise nach Russland, was für uns ein sehr bewegendes und
mitnehmendes Ereignis war. Der geschichtliche Hintergrund und die
bedeutsame Symbolik des Landes an sich sind zudem auch ziemlich
vergleichbar mit der Wort- und Bildsprache von Front Line Assembly.
Insbesondere beim Besuch des „Grabmals des unbekannten Soldaten“
entstanden die Lyrics zu „Angriff“. Eine tiefgehende Reise in ein
denkwürdiges Land. Das war für uns eine einschneidende
Erfahrung, die wir nie vergessen werden.
„Stupidity“ klingt
Dank Al Jourgensen von Ministry komplett anders wie die anderen Titel.
Wolltet ihr damit mal richtig Gas geben und einen richtigen
Industrialkracher abliefern oder ist das schon mal ein Vorgeschmack auf
kommende FLA-Alben?
Bill: Dieser Song war eine gleichberechtigte
Zusammenarbeit zwischen allen daran beteiligten Künstlern. Wir
luden den Gast-Gitarristen Justin Hagberg von 3 Inches of Blood ein und
ebenso Al Jourgenson. Wir haben uns überhaupt nicht darauf
konzentriert, einen Industrial-Smasher zu produzieren, oder irgendeine
Art von Aussicht auf kommende Platten zu geben. Wir haben Al die
Freiheit überlassen, den Song in seiner Art zu beeinflussen und zu
interpretieren. Und dabei kam eben ein Harsh-Industrial-Hit heraus -
gewollt oder nicht.
Wie macht sich das
Raubkopieren und illegale Downloaden der letzten Jahre bei euch
bemerkbar?
Bill: Unsere Verkaufszahlen haben denkbar
schwer unter dem Thema illegaler Downloads gelitten. Ob nun diese ganze
Sache gut oder schlecht ist - wir können die Zeit nicht
zurückdrehen, alles passiert aus einem bestimmten Grund. Zur Zeit
fühlt es sich jedoch so an, als ob Musik zu einem billigen
Wegwerfprodukt geworden ist, dass man sich schnell und kostenlos von
zahllosen Torrent-Sites ziehen kann. Was die Zukunft bringt, vermag
keiner von uns zu sagen. So lange sich jedoch die Einstellung der
Menschen zum Thema illegalem Download nicht ändern wird, kann uns
auch die beste Technologie nicht weiterhelfen.
Was meint ihr, kann
man dagegen unternehmen?
Bill: Das ist schwer zu sagen. Viele Labels und
Künstler versuchen sich in den verschiedensten Ansätzen, z.B.
durch extra Bonus-Beigaben zu CDs usw. Die Industrie unterliegt einem
tiefgreifenden Wandel und wir werden sehen, wie sich das Ganze in den
nächsten Jahren entwickeln wird.
Wie motiviert man
sich als Band (nun fast 25 Jahre) immer weiter zu machen und gemeinsam
kreativ zu sein?
Bill: Ich bin der Meinung, dass
Kreativität etwas ist, was aus deinem tiefsten Inneren kommt und
nicht auf Befehl an- und abschaltbar ist. Ich bin ein sehr
reaktionärer Mensch. Ich wache jeden Tag auf und bin die ganze
Zeit über mit verschiedenen Meinungen und Standpunkten
konfrontiert, mit denen ich mich auseinandersetzen will und auch muss.
So lange dies der Fall ist und ich dieses Gefühl des
Auseinandersetzens noch in mir spüre, werde ich weiterhin kreativ
bleiben.
Ich freue mich auf
eure diesjährigen Konzerte in Europa. Tourt ihr lieber durch eure
Heimat Kanada oder spielt ihr lieber im Ausland? In welchen
Ländern habt ihr die vollsten Konzertsäle und wo die
verrücktesten Fans?
Bill: Wir spielen überall in der Welt sehr
gern, aber in Europa haben wir bei weitem die bestbesuchten Konzerte.
Die verrücktesten Fans gibt es wahrscheinlich in Russland, was
sicherlich daran liegt, das solche Künstler wie wir erst seit ein
paar Jahren in dieses Land einreisen dürfen.
Wo und wann wird man
euch in Europa sehen können?
16 Jul
2010 Tivoli, Utrecht, Niederlande
17 Jul
2010 Gothic Festival, Waregem, Belgien
18 Jul
2010 Corporation, Sheffield, Großbritannien
19 Jul
2010 Classic Grand, Glasgow, Großbritannien
20 Jul
2010 O2 Academy Islington, London, Großbritannien
22 Jul
2010 Lucerna Music Bar, Prag, Tschechien
23 Jul
2010 Majestic Music Club, Bratislava, Slowakei
25 Jul
2010 Amphi Festival, Köln, Deutschland
28 Jul
2010 Ikra, Moskau, Russland
29 Jul
2010 Zal Ozhidaniya, St. Petersburg, Russland
Höchstwahrscheinlich
kommen wir im Oktober wieder zurück nach Europa, um dort eine
großangelegte Tour zu unserem neuen Album zu machen. Freut euch
auf viele neue und alte Songs.
Und wo seid ihr
überall außerhalb Europa’s unterwegs?
Bill: Wahrscheinlich werden wir auch in naher
Zukunft einen Monat in Nordamerika auf Tour sein.
Gibt es auch
Städte, auf die ihr euch besonders freut? Wenn ja, warum?
Bill: Für uns ist jede Stadt, durch die
wir touren und jeder Fan von gleicher Wichtigkeit und Bedeutung, da wir
nicht so oft als Band unterwegs sind.
Wie sehen eure
Pläne für die Zukunft aus? Ist ein Video in Planung oder
vielleicht etwas ganz Besonderes zu eurem 25jährigen Jubiläum?
Bill: Nasty Byte arbeitet gerade an einem Video
für unseren Song „Shifting Through the Lens“. Wir können aber
noch nicht mit Gewissheit sagen, wann dieses fertig sein wird.
Vielen Dank für
das Beantworten unserer Fragen. Vielleicht möchtest du euren Fans
noch ein paar Worte mit auf den Weg geben?
Bill: Wir möchten uns an dieser Stelle bei
allen Fans für die großartige Unterstützung über
all die Jahre hinweg bedanken. Wir hoffen, dass euch das neue Album
gefällt und dass ihr mit dabei seid, wenn wir in eurer Stadt
spielen.
FLA @ www:

http://www.mindphaser.com
FLA @ Myspace:

http://www.myspace.com/thefrontlineassembly
by
PromoFabrik - Juni 2010
Translation:
Enrico Kunze
Interview:
Leo und Lucy von Leibnitz, Sven Goldacker
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